Ein Museum für Schwule? Oder für wen?
Das Schwule Museum in Berlin ist weltweit die älteste Institution, die sich der großen Vielfalt homosexuellen Lebens in Geschichte, Kultur und Kunst widmet. Seit seiner Gründung im Jahr 1985 konnte das Museum über 100 Ausstellungsprojekte realisieren, wobei der Betrieb des Museums und des Archivs ausschließlich auf ehrenamtlicher Arbeit gründete. Die Zahl der Gäste, die das Haus am Mehringdamm in Kreuzberg besuchen, wächst stetig. Viele der Besucher_innen sind Berlintouristen aus dem In- und Ausland. Dabei wird es von Schulklassen und Neugierigen aus der ganzen Welt ebenso frequentiert wie von der homosexuellen „Community“ selbst
Die Aufgaben des Museums bestehen im Sammeln, Erforschen und Präsentieren von Zeugnissen homosexuellen Lebens der vergangenen Jahrhunderte. Einer der Schwerpunkt liegt bei der dokumentarischen Aufarbeitung von Lebensgeschichten: Dank zahlreicher Nachlässe, die dem Museum überantwortet wurden und werden, lassen sich individuelle Schicksale nachzeichnen und für ein breites Publikum erlebbar machen. Seit 2008 verfolgt das Museum eine inhaltliche Neuausrichtung, die neben der männlichen Homosexualität als Gegenstand von Sammlungs-, Forschungs- und Ausstellungstätigkeit auch andere sexuelle Identitäten und Lebensentwürfe einbegreift – lesbische ebenso wie bi-, intersexuell und trans*identische.

Zum Museumsbetrieb gehören die Bereiche „Ausstellungen“ und „Sammlungen“. Der Öffentlichkeit zugänglich sind eine gut sortierte Fach-Bibliothek zu Homosexualität und verwandten Themen sowie eine Sammlung von Schriftgut aus mehreren Jahrhunderten. Zur Sammlung des Museums gehören auch noch andere Bereiche, zum Beispiel ein Fundus mit Alltagsgegenständen unterschiedlichster Art. Diese können zum Teil äußerst kurios sein: Vom schwulen Bierdeckel über das Kondomtäschchen und den handgetöpferten Aschenbecher bis hin zu den original Klo-Türen aus einem berühmten Szenelokal ist alles dabei.
Das Schwule Museum genießt ein internationales Ansehen, sowohl als Anlaufstelle für Forschungsvorhaben wie auch als Kooperationspartner und Leihgeber. Dokumenten aus seinen Beständen hängen in den Dauerausstellungen zahlreicher KZ-Gedenkstätten in Deutschland, im Imperial War Museum in London und im United States Holocaust Memorial Museum in Washington.
Ein kleiner Ausflug in die Geschichte des Museums
Im Sommer des Jahres 1984 war im damaligen Berlin-Museum in der Lindenstraße in Kreuzberg eine Ausstellung zu sehen, die auf die Initiative einiger studentischer Mitarbeiter zurückging: Unter dem Titel „Eldorado. Geschichte, Alltag und Kultur homosexueller Frauen und Männer in Berlin 1850-1950“ war dieses umstrittene und spektakuläre Ausstellungsprojekt eines der am Besten besuchten des Hauses. Als Reaktion auf den Erfolg der Ausstellung gründeten die Ausstellungsmacher im Dezember 1985 den „Verein der Freunde eines Schwulen Museums in Berlin e.V.“. Dieser fungiert bis heute als Träger.
Im Jahr 1988 zog das Museum an seinen jetzigen Standort am Mehringdamm 61, in einen typisch „kreuzberger“ Gewerbehinterhof aus dem späten 19. Jahrhundert. Hier wurden zuerst nur wenige Räume genutzt, aber mit zunehmender Ausstellungs- und Sammeltätigkeit, steigenden Mitglieder- und Besucherzahlen wurde immer mehr Fläche hinzugemietet. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stehen dem Museum drei verschiedene Ausstellungsflächen für Dauer- und Wechselausstellungen zur Verfügung sowie fast 400 qm für Büros, das Aufbewahren der Sammlung und die Präsenzbibliothek.

Neben den eigenfinanzierten Ausstellungen ermöglichte die Einwerbung von Drittmitteln große Ausstellungsprojekte: so z.B. „100 Jahre Schwulenbewegung 1897-1997“ im Jahr 1997 in der Akademie der Künste, Berlin oder im Jahr 2000 „Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933-1945“ im Neuen Museum der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg. Vor sechs Jahren eröffnete unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit die ständige Ausstellung des Schwulen Museums unter dem Titel „Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit. 200 Jahre Geschichte“, deren etwa 700 Ausstellungsstücke größtenteils aus den eigenen Beständen stammen.
2008 konnte mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder und zahlreicher privater Spenden eine der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen zur Kulturgeschichte der Homosexualität - die Sammlung Sternweiler - angekauft werden. Seit Januar 2010 wird das Museum aus dem Kulturetat der Stadt Berlin institutionell gefördert.
Aktuell laufende Wechselausstellungen:Ich komm mir vor wie ‘ne Witzfigur!
50 Jahre Ralf KönigLaufzeit: 14. Juli bis 4. Oktober 2010
(Raum leider für Rollstühle nicht zugänglich)
Seit Jahrzehnten sind die Knollennasen des Comic-Zeicherns Ralf König die Wegbegleiter der Schwulen: Sie leiden und tucken, sie feiern und vögeln, sie trauern und altern mit ihnen. Sein selbstironisches Bild der Schwulenszene als Mittelpunkt des Universums, um das einige tragische Frauengestalten und dumpfe Hetero-Männer wie Trabanten kreisen, hat Generationen von Schwulen und Lesben nicht nur Spaß sondern auch Mut gemacht.
Glitter and be Gay
Erik Charell und die schwule OperetteLaufzeit: 8. Juli bis 27. September 2010
(Räume bedingt barrierefrei zugänglich: drei Stufen)
Das Schwule Museum präsentiert die weltweit erste Ausstellung zu Leben und Werk des schwulen Tänzers, Choreographen und Theaterleiters Erik Charell (1894-1974), einem der großen ‚Macher‘ der glanzvollen Revueoperetten der Zwanziger Jahre in Berlin. Zugleich widmet sich diese Ausstellung international erstmalig dem Thema „Homosexualität & Operette“.
Adresse:Schwules Museum
Mehringdamm 61 – 1. Hof
10961 Berlin (Kreuzberg)
Verkehrsanbindung: U 6/7 Mehringdamm, Bus M19, 140, 248
Öffnungszeiten:Mo, Mi, Do, Fr, So: 14-18 Uhr
Sa: 14-19 Uhr
Di: Ruhetag
Eintritt:5 ¤, 3 ¤ (ermäßigt)
Weitere Informationen:
www.schwulesmuseum.de Die Veröffentlichung von Text und Fotos erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Frau Anne-K. Jung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Schwules Museum Berlin.